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Fast ein Engel
Der Junge sah aus wie ein Engel, fand Simon. Das Gesicht unter den dunkelblonden Haaren war beinahe kindlich, obwohl dieser Eindruck nur Bestand hatte, wenn man ihn lachen sah. Hörte er seinem Gegenüber ernsthaft zu, so wie jetzt gerade, wich alles kindliche zurück und es blieb – der Engel. Simon saß an der Theke seiner Stammkneipe und fragte sich, nicht zum ersten Mal an diesem Abend, woher der Junge und sein Begleiter kamen. In einer Kneipe wie dieser, in einer Berliner Seitenstraße, traf man Stammgäste in wechselnder Zusammensetzung, aber nur selten Fremde. Das Lokal war, für einen Donnerstag Abend, normal gefüllt und damit leer genug, dass Simon die beiden sofort zur Kenntnis genommen hatte, als sie herein kamen und sich an einen der Tische setzten. Der Junge mit dem Gesicht in Simons Richtung, der andere Mann mit dem Rücken zur Theke. Das war vor einer guten Stunde gewesen. Seitdem hatten sie jeder zwei Bier getrunken und sich angeregt miteinander unterhalten. Um selbst nicht in Gespräche verwickelt zu werden hatte Simon seine mitgebrachte Zeitung aufgeschlagen auf den Tresen gelegt und blätterte ab und zu eine Seite um. Gelesen hatte er so gut wie gar nichts, davon hielt ihn der Junge ab, den er einfach immer wieder verstohlen ansehen mußte. Worüber sprachen die beiden? "Na, Simon, noch'n Pils?" Die Frage des Wirtes riss ihn aus seiner Versunkenheit. "Ja, mach mir noch eins. Aber nur ein Halbes, bitte." Der Wirt nickte, griff nach einem kleinen Bierglas und begann das Pils zu zapfen. "Komisches Pärchen, die beiden da. Den Älteren kenn' ick, der war schon mal hier. Auch mit so 'nem jungschen Bürschchen. War aber nich' der selbe." Der Wirt sah nicht vom Zapfhahn hoch, während er mit Simon sprach. Es war jedoch klar, dass er von den beiden Fremden sprach, die auch Simons Aufmerksamkeit gefesselt hatten. "Beim letzen isser zudringlich jeworden. Hat' dem Bürschchen aber jefallen, danach sind se schnell verschwunden. Mal sehen, wat diesmal passiert." Während dieser Worte konnte Simon beobachten, wie der Mann dem Jungen eine Hand auf den Arm legte und sich über den Tisch näher zu ihm beugte. Offenbar redete er jetzt eindringlicher auf ihn ein. Der Junge saß ganz entspannt und sah seinem Gegenüber offen ins Gesicht. Plötzlich lachte er laut auf, zog seinen Arm weg, und lehnte sich zurück. "Du weißt nicht, was du bekommst" sagte der Junge deutlich. Das Lachen war verschwunden. Dann beugte er sich wieder vor und sah dem Mann eindringlich in die Augen. Was er dann sagte, war zu leise, als dass Simon es hätte verstehen können. Trotzdem spürte er die Intensität zwischen den beiden und bemerkte, dass der Junge, sein Engel, unvermutet eine dominantere Stellung eingenommen hatte. "Damit hatta nich' jerechnet" sagte der Wirt und stellte grinsend das Bier vor Simon. "Was meinst du?" "Na, dass der Kleene kein bravet Püppchen is'! Da weiß er selber noch nich', ob er da mit klarkommt. Kiek doch mal jenau hin." Und mit einer Kopfbewegung in Richtung des Pärchens wurde Simon wieder auf seinen Beobachtungsposten zurückgeschickt. Und er beobachtete die beiden. Der Engel hatte sich wieder entspannt zurück gelehnt und sah den anderen Mann direkt an. Dieser vermied den Blick des Jungen und schien ernsthaft einen Konflikt mit sich selbst auszufechten. Dann nickte er kurz, stand auf und kam zum Tresen. Simon konnte zum ersten Mal das Gesicht des Mannes sehen. Er sah nicht gut aus und nicht schlecht. Durchschnitt eben. Kein Gesicht an dem man hängen blieb. Wahrscheinlich Mitte vierzig, kurze dunkle Haare, glatt rasiert, zu gut gekleidet für eine Kneipe. 'Vertreter-Typ', dachte Simon. Der Mann bezahlte die vier Bier und wandte sich dem Jungen zu, der noch immer am Tisch saß. Dieser stand auf, langsam, mit der unnachahmlichen Anmut der Jugend. Er nahm seine Jeansjacke, die er über einen freien Stuhl geworfen hatte und verließ das Lokal. Der Mann stand noch einen Augenblick am Tisch, mit hängenden Schulter, dann richtete er sich auf, griff seine Jacke und folgte dem Jungen hinaus in die Dunkelheit. Simon saß noch immer wie erstarrt am Tresen. Während der Mann neben ihm bezahlt hatte, waren Simons Augen wieder zurück zu dem Jungen gewandert. Dieser hatte seinen Blick erwidert, ihn festgehalten. Simon hatte sich gefühlt, als ob der Engel ihm in die Seele blicken könnte. Der Engel lächelte ihm nicht zu, aber sein Mund formte unhörbar das Wort 'bald'. Dann war er verschwunden. Irgendwann sah Simon wieder zu dem Wirt hinter der Theke. Dieser trocknete Gläser ab, sah kurz zu ihm herüber und zuckte nur mit den Schultern.
* * *
Simon hatte den Engel nicht vergessen, aber er bemühte sich, nicht jeden Feierabend in der Kneipe zu verbringen. Auf das Unwahrscheinliche zu warten war eigentlich nicht seine Art, und sein Bedauern über das Ausbleiben des jungen Mannes irritierte ihn selbst. An einem Abend jedoch, fast zwei Monate, nachdem er ihn zum ersten Mal gesehen hatte, erschien der Engel wieder und setzte sich unaufgefordert neben Simon an die Theke. "Hallo. Du bist Simon, nicht wahr?" Diese Einleitung brachte Simon aus der Fassung. Der Junge musste sich nach ihm erkundigt haben. Simon wollte gar nicht darüber nachdenken, was das bedeuten könnte. "Ja, ich bin Simon. Und wer bist du?" Er musste erst schlucken bevor er den Satz heraus brachte. "Ich heiße Gabriel. Wie der Erzengel." Kein Lächeln, keine verdrehten Augen über die Ungewöhnlichkeit dieses Namens für jemanden in seinem Alter. Nur dieses 'Gabriel – wie der Erzengel'. Simon fühlte sich ertappt, als er daran dachte, dass er ihn in seinen Gedanken von Anfang an den 'Engel' genannt hatte. Die ruhige Gelassenheit, mit der Gabriel neben ihm saß, gaben Simon die Möglichkeit, ihn ausführlicher zu mustern. Aus der Nähe konnte er erkennen, dass Gabriel bestimmt kein Junge mehr war, egal, welchen Eindruck sein lächelndes Gesicht auch vermittelte. Simon schätzte ihn auf Mitte Zwanzig und damit trotzdem weit mehr als eine Dekade jünger als er selbst war. "Bist du aus der Gegend?" fragte er den jungen Mann schließlich. "Nein, ich bin nur auf einer Art Durchreise." Jetzt lächelte er, als ob er einen Scherz gemacht hätte. "Du warst hier, als ich mit – nun, mit IHM hier war. Du bist mir aufgefallen. Und ich bin dir aufgefallen, stimmt's?" Simons Kehle war trocken und er nickte nur. Gabriel beugte sich näher zu ihm, legte ihm leicht eine Hand auf den Oberschenkel und sah ihm wieder in die Augen. "Ich weiß, was du willst." flüsterte er Simon zu. Seine Hand wanderte etwas höher, nur ein kleines Stück. "Wollen wir zu dir gehen? Du wohnst doch nicht weit von hier, oder?" Die Worte waren immer noch geflüstert und Simon war immer noch unfähig zu antworten. Er wusste nicht, ob er nicken sollte, um die erste Frage zu bejahen, oder mit dem Kopf schütteln, um die zweite zu verneinen. Eigentlich wusste er gar nicht mehr, was er gefragt worden war. Sein Körper aber schien eine durchaus verständliche Sprache zu sprechen, denn Gabriel zog sich zurück und sagte "Dann laß uns gehen." Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden legte Simon Geld auf den Tresen und folgte Gabriel hinaus in die Nacht. Es war kühl geworden und er bedauerte, nicht seinen Mantel angezogen zu haben. Gabriel überließ ihm jetzt die Führung, offenbar hatten seine Erkundigungen nicht so weit gereicht, daß er Simons Adresse herausgefunden hatte. Sie redeten den ganzen Weg über nicht und als sie einige Minuten später im Hausflur vor Simons Wohnungstür standen, fror dieser nicht nur wegen der herbstlichen Kühle der Nacht. Er hatte den Wohnungsschlüssel in der Hand, aber er zögerte. "Mir ist kalt" sagte Gabriel, mit einer kläglichen Stimme und einem schüchternen Lächeln, das ihn gut zehn Jahre jünger aussehen lies. Und unendlich verletzlich. Simon schüttelte den Kopf, um sich von dem Alarm zu befreien, der seit dem Verlassen des Lokals in seinem Kopf schrillte. Er schloss die Tür auf und lies Gabriel hinein.
* * *
Gabriel duschte heiß, während Simon im Schlafzimmer alle Kerzen anzündete, die er finden konnte. Er hatte nur seine Jacke ausgezogen und ihm war immer noch kalt, während er in der Tür stand und die Wirkung der Kerzen rund um das Bett begutachtete. Da legten Gabriels Arme sich um seine Mitte, während der junge Mann seinen Körper dicht an Simons Rücken presste. "Zieh dich aus, ich will dich wärmen" flüsterte Gabriel. Simon zog sich aus und legte sich in das Bett, wohin Gabriel ihm folgte. Erst lagen sie nur nebeneinander, unter der Decke, nackt und frierend. Gabriels Körper war von der Dusche zwar aufgeheizt, aber er schien genauso Wärme zu suchen wie geben zu wollen, als er sich eng an Simon drängte. Arme und Beine umschlangen einander und schließlich fanden sich auch ihre Lippen. Gabriel schlug die Decke zurück, drehte Simon flach auf den Rücken und hockte sich zwischen seine Beine. Dann beugte er sich vor und begann, Simons Oberkörper mit seinen Lippen, seiner Zunge und seinen Zähnen zu elektrisieren, bis dieser nicht mehr zwischen den Küssen, dem Lecken und den kleinen Bissen unterscheiden konnte. Seine Erregung nahm ununterbrochen zu und hätte sich beinahe Bahn gebrochen, als Gabriel seinen Mund um Simons erigierten Penis legte und ihn unvermutet hart und tief in sich aufnahm. Kleine Blitze aus Schmerz mischten sich in Simons Lust, als Gabriel sich aufrichtete und mit dieser Bewegung Simons Unterleib höher zog und dann tief in ihn eindrang. Simons Beine über seinen Schultern lehnte Gabriel sich vor und sah in das Gesicht unter sich, während die Bewegung seiner Hüften einen langsamen, gleichmäßigen Rhythmus annahmen. "Ich weiß, was du willst. Ich weiß, was du brauchst." flüsterte er Simon zu. Der öffnete die Augen und sah Gabriel an. Eine Hand schloss sich um seinen Penis und bewegte sich perfekt mit den Hüften, die gegen ihn stießen und die das Feuer in ihm immer weiter anfachten. Die Augen über ihm, die Augen seines Engels, hielten ihn gefangen und erzählten ihm von zeitloser Lust, die Gabriel bereits geschenkt hatte. Und sie verrieten noch mehr, aber Simon war jenseits von Furcht. In den gleichmäßigen Bewegungen verschwammen für Simon Zeit und Raum. Wann immer er aufblickte sah er in Gabriels Augen, las ein wenig mehr in ihnen und gab sich immer mehr hin. Als Gabriel schließlich in ihm kam und auch seine eigene Erregung sich in einer scheinbar unendlichen Welle der Befriedigung entlud, nahm er die Zähne gar nicht mehr wahr, die sich in seinen Hals gesenkt und seine Arterie geöffnet hatten. Kurz vermisste er Gabriels Augen, die nicht mehr über ihm waren, aber seine Wahrnehmung verschwamm und er ließ sich ohne Bedauern endgültig fallen.
* * *
Auf dem Tresen in Simons Stammkneipe lag noch immer dessen Zeitung, aufgeschlagen auf der fünften Seite. Ein anderer Gast hatte sich dort hin gesetzt und las den Artikel, den Simon mit einem Kugelschreiber dick eingekreist hatte:
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