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Herbst
Es regnet. Ich sitze am Fenster und sehe hinaus. Wie hilfreich Regen ist. Er dämpft die Geräusche und reinigt die Welt von allem Schmutz. Wenn ich es nur in meinem Herzen regnen lassen könnte, damit das lärmende Toben verstummt und alles fort gewaschen wird. Ich bitte um Vergebung meiner Sünden und weiß nicht mehr, an wen ich diese Bitte eigentlich richte. Ich kann mir nicht vergeben. Und was soll ich mir vergeben? Die Liebe, die sich mir wie ein Geschenk Gottes offenbarte? Ein Geschenk eben jenes Gottes, dessen Existenz ich inzwischen anzuzweifeln gelernt habe. Oder die Lust, die mir verboten war und die ich dennoch empfand. Beides kann ich mir nicht vergeben. Draußen fällt der Regen. In meinem Herzen fällt er nicht und ich muß mit meinen Erinnerungen leben. Erinnerungen, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Erinnerungen, die auf mir lasten wie ein Fluch, von dem ich nicht weiß, ob er zurückgenommen werden kann. Vielleicht gar nicht mehr. Draußen fällt der Regen. Mich kann er nicht reinwaschen. Vater unser, der Du bist im Himmel. Geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Deswegen bleibt mir die Vergebung versagt. Ich kann nicht vergeben meinen Schuldigern. Allen, aber nicht ihm. Ich kann ihm nicht vergeben, daß ich ihn noch immer liebe. Daß ich ihn noch immer begehre. Daß noch immer jede Faser meines Herzens und jede Faser meines Körpers nach ihm schreien. Und führe uns nicht Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Erlöse mich, Vater. Erlöse mich von dem Bösen, von meinen Erinnerungen, von ihm. Bitte, Vater, erlöse mich doch endlich. Niemand erlöst mich. Ich sehe aus dem Fenster. Der Regen fällt noch immer. Damals hatte es auch geregnet. Der erste Herbstregen, dicke Tropfen, die einen bis auf die Haut durchnässen. Ich hatte die Predigt gerade begonnen, als die Kirchentür aufging und er in mein Leben trat. Ich blickte kurz zu ihm hinüber, während er versuchte, sich das Wasser aus den Kleidern zu schütteln. Niemand aus der anwesenden Gemeinde schien Notiz von ihm zu nehmen. Er setze sich an den Rand einer der mittleren Bänke. Ich versuchte, ihn zu ignorieren. Ich bin es gewohnt, daß meine Zuhörer mich ansehen. Ich müßte an meinen Predigten zweifeln, wenn dies nicht so wäre. Aber sein Blick war fast körperlich greifbar. Um Nebensächlichkeit bemüht sah ich ihn an, sah direkt in seine Augen. Sie waren dunkel, fast schwarz. Er erwiderte meinen Blick. Ruhig und gelassen. Ich fühlte mich mit einem Schlage meiner gewohnten Autorität beraubt. Ich fühlte mich einen Augenblick lang all meiner Kraft beraubt. Manchmal weiß man instinktiv, daß etwas besonderes geschehen ist. In diesem Moment wußte ich, daß sich mein Leben verändert hatte. Nicht, daß eine Veränderung in der Zukunft eintreten würde. Nein, ich wußte, es war schon zu spät. Die Veränderung war bereits erfolgt. Ich beendete den Gottesdienst, eingehüllt in den Mantel der Gewohnheit und der Routine. Er trat nicht hervor, um die Kommunion zu empfangen. Er blieb auf seinem Platz in der Mitte der Kirchenbänke und sah mich nur an. Er schien weder an dem interessiert zu sein, was ich sagte, noch an dem, was ich tat. Sein ungeteiltes Interesse galt mir, der Person unter dem Priestergewand. Ich spürte seine Blicke und mein Gesicht und meine Hände begannen zu prickeln. Letztendlich entzündete er meinen ganzen Körper. Ich zwang mich, nicht wieder zu ihm hinüber zu sehen. Als ich mich nicht mehr zurückhalten konnte und in seine Richtung blickte, war der Platz leer. Ich kostete das erste Mal von der Verzweiflung, die durch ihn mein ständiger Begleiter geworden ist. Ich hatte ihn gesehen und ich wollte ihn, ohne mir dessen bewußt zu sein. Als ich die Kirche verließ, um zum Pfarrhaus zu gelangen, wartete er auf mich. „Der Regen hat mich überrascht. Ich bin ziemlich durchnäßt. Könnte ich wohl meine Kleider bei Ihnen trocknen?“ Der Regen hatte inzwischen aufgehört. Die Sonne schien und es war wieder warm geworden, obwohl die Sonne ihre Kraft der vergangenen Monate bereits verlor. Wir waren etwa einen Meter voneinander entfernt, und bis heute weiß ich nicht, ob ich seine Ausstrahlung spüren konnte oder ob seine Kleidung, die in der Sonne zu trocknen begonnen hatte, diese Aura absonderte, die ihn zu umgeben schien. Mein Leben war bereits von ihm verändert worden. Natürlich ließ ich ihn mit zu mir in Pfarrhaus kommen. Ich gab ihm ein Handtuch und ging in die Küche. ,,Kaffee oder Tee?“ „Tee, bitte. Wenn es ihnen keine Umstände macht.“ ,,Es ist mir ein Vergnügen.“ Worte der Höflichkeit. Seine sanfte, warme Stimme sagte mehr als nur diese Worte. Als ich mit dem Tee zurück in das Wohnzimmer kam, hatte er seine nassen Sachen ausgezogen und über eine Stuhllehne am Eßtisch gehangen. Unter dem Stuhl standen seine Schuhe. Er konnte keine Pfütze ausgelassen haben. Das eigentlich braune Leder war schwarz vor Nässe. Ich nahm die Socken, die Leinenhose, das T-Shirt und das Jackett und ging die Sachen aufhängen. Als ich wieder ins Zimmer kam, hatte er uns Tee eingeschenkt. ,,Milch, Zucker?" ,,Beides, bitte.“ ,,Einen Löffel oder zwei?" ,,Einen.“ Ich setzte mich ihm gegenüber und beobachtete seine Bewegungen. Ich betrachte ihn. Sein dunkelblondes Haar war ein wenig zu lang, so als ob er es lange nicht mehr hatte schneiden lassen. Es war strubbelig, da er es mit dem Handtuch bearbeitet hatte. Er war glatt rasiert. Die Linien um seinen Mund ließen auf Grübchen schließen. Wenn er lächeln würde, hätte ich Gewißheit. Er reichte mir meine Tasse und sah mir dabei in die Augen. Die Intensität seines Blickes ließ mich erschauern. Überrascht stellte ich fest, daß das Licht in der Kirche mir einen Streich gespielt hatte. Seine Augen waren grau. Ich weiß nicht, ob ich ihn als gutaussehend bezeichnen würde. Ich hatte die Menschen nie nach ihrem Aussehen beurteilt. Im Zölibat lernt man, die Schönheit und den Reiz einer Person zu ignorieren. Seine Hand, die mir die Teetasse reichte, war schlank und groß und gepflegt. Keine körperliche Arbeit mit bloßen Händen. Seine Schultern und sein Oberkörper, die ich in ihrem unbedeckten Zustand mustern konnte, verrieten nichts von der Kraft, die in ihnen steckte. Er war schlank, ließ aber durch eine gewisse Weichheit der Konturen erkennen, daß Sport nicht zu seinen Hobbys zählte. Mein Gesamteindruck war Wohlstand, ein Mann aus gutem Hause. Er ließ meine Musterung kommentarlos über sich ergehen. Das Handtuch hatte er sich um die Hüften gewunden. Entweder trug er darunter noch seinen Slip, denn ich hatte keinen bei seinen Sachen entdecken können, oder aber er trug von vornherein keinen. Im nachhinein bin ich über meine Gedankengänge überrascht. Damals erschien es mir als das natürlichste von der Welt, über die Existenz oder Nichtexistenz seiner Unterwäsche nachzudenken. Und mein Körper war an das Zölibat so gewöhnt, daß ihn meine Überlegungen noch gar nicht aus seinem Dornröschenschlaf geweckt hatten. Meine Gefühle, so intensiv sie auch waren, hatten eine gewisse Unschuld und es kam mir nicht in den Sinn, daß seine Nacktheit Berechnung entsprang. Er hatte etwas in mir erkannt, das mir selbst noch verborgen war. Mir fiel nicht auf, daß wir eigentlich noch kein Wort miteinander geredet hatten und wir setzten das Tee trinken schweigend fort. Als wir die zweite Tasse getrunken hatten, sagte er plötzlich „Ich halte Sie sicher von wichtiger Arbeit ab. Ich bitte um Verzeihung. Ich bin ihnen dankbar, daß Sie meine Sachen trocknen, aber Sie müssen sich nicht verpflichtet fühlen, mir Gesellschaft zu leisten. Gehen Sie ruhig, ich werde ganz still hier sitzen und vielleicht etwas lesen, wenn Sie eine Zeitung für mich hätten. Haben Sie eine Zeitung für mich?“ Ich stand auf und brachte ihm die Sonntagszeitung. Schickte er mich weg? Erwartete er einen Widerspruch? ,,Sie halten mich von keiner Arbeit ab. Ich... wir können uns gerne unterhalten, wenn Sie das möchten." Ganz der Seelsorger. Wie naiv ich doch war. ,,Sie haben einen ganz normalen Sonntag, wie jeder andere auch? Nach dem Gottesdienst, meine ich.“ Jetzt mußte ich lächeln. Waren Priester für ihn auch Wesen von einem anderen Stern? „Wir begehen um sechs Uhr dreißig noch mal einen Abendgottesdienst. Aber es ist erst zwölf Uhr. Um fünf gehe ich noch einmal für eine Stunde in den Beichtstuhl. Viele wollen abends noch die Kommunion empfangen. Warum haben Sie sie heute nicht empfangen?" Die Frage war mir herausgerutscht, bevor ich noch darüber nachdenken konnte. ,,Ich bin nicht katholisch.“ Regte sich jetzt der Missionar in mir? Er sah mich an, hielt mich mit seinen Augen gefangen und ich gestehe, daß ich vergaß, worüber wir eigentlich gesprochen hatten. Ich saß ihm bewegungslos gegenüber und wartete, daß etwas geschah. Irgend etwas. Daß er etwas tat, irgend etwas. Der Kommissar und auch die Staatsanwältin fragten mich immer wieder, ob ich nicht zu irgendeinem Zeitpunkt Furcht empfunden hätte. Ein gesunder, kräftiger Mann saß mir gegenüber und benahm sich sonderbar. Hatte ich mich nicht gewundert, woher er gekommen war? War ich nicht neugierig, was ein Fremder im Regen, offenbar ohne ein Auto, in einer kleinen, abseits gelegenen Gemeinde wie der unseren zu suchen hatte? War mir nicht wenigstens bei dem, was später geschah, das Ungewöhnliche der Situation bewußt geworden? Furcht? Ich bin Priester und stehe damit außerhalb der Gesellschaft. Außerhalb der normalen Geschehnisse. Mir kann niemand etwas anhaben. Ich bin ein Diener Gottes und Sein Wille geschieht. Neugier? Zu mir kommen die Leute, um Vergebung zu erflehen, Schutz zu suchen. Ich hinterfrage nicht, woher und warum ein verirrtes Schaf den Weg zu mir gefunden hat. Naiv? Weltfremd? Aber sicher. Ich hatte inzwischen jedes Zeitgefühl verloren. Es wäre mir recht gewesen, ihm gegenüber sitzen zu bleiben und nichts zu tun, außer mit ihm zu schweigen. Er legte die Zeitung beiseite und stand auf. ,,Zeigen Sie mir das Haus." Ich stand auf und ging vor ihm hinaus zur Treppe. ,,Hier unten sind Wohnzimmer, Küche und ein Arbeitszimmer. Oben gibt es ein Bad, mein Schlafzimmer und ein Gästezimmer. Was möchten Sie zuerst sehen?" ,,Oben" Wir gingen hinauf. Er war dicht hinter mir. Diesmal war ich sicher, seine Ausstrahlung zu spüren. ,,Das ist mein Zimmer" sagte ich und ließ ihn in mein Schlafzimmer eintreten. Er schloß die Tür und blieb mitten im Zimmer stehen. Wieder sagte keiner von uns ein Wort. Ich war mir plötzlich sicher, daß er unter dem Handtuch nackt war. Und jetzt reagierte mein Körper. Mit einer mir bis dahin unvorstellbaren Intensität regte sich in mir die Lust und ich spürte meinen Penis hart werden. Ich wußte, daß er dies, ohne hingesehen zu haben, zur Kenntnis nahm. Jetzt lächelte er das erste Mal. Ich hatte Recht. Seine Grübchen waren bezaubernd. Er trat dicht vor mich und nahm meine Hände in die seinen. Die Arme nach unten ausgestreckt hielt er mich fest. Sein Gesicht näherte sich dem meinen. Sein Körper berührte den meinen. Nichts war mehr wichtig. Nichts existierte mehr. Ich spürte seine Wärme durch meine Kleidung. Als er mich küßte war mein Leben, mein bisheriges Leben, wie weggeblasen. Nichts existierte außer uns beiden. Ich wollte ihn. Ich wollte die Erfahrung machen, die er mir versprach. Ich war bereit, ihm überall hin zu folgen, wenn er nur das in mir lodernde Feuer löschen würde. Er hielt meine Hände hinter meinen Körper und drängte mich aufs Bett. Mein eigenes Gewicht fesselte meine Arme. Er zog meinen Pullover hoch, berührte meine Brust, erst mit den Händen, dann mit seinen Lippen. Ich fühlte, daß meine Hose geöffnet wurde, ich fühlte sein Gewicht auf mir, ich fühlte plötzlich gar nichts mehr. Verwirrt öffnete ich die Augen. Sie hatten seine Arme nach hinten gerissen und ich hörte das Klicken der Handschellen, als sie sich um seine Handgelenke schlossen. Überall waren Polizisten. Ich hörte sie ihm seine Rechte vorlesen. Ich spürte ihre Blicke auf mir, schonungslos, mitleidslos, angewidert. Ich wurde mir meiner eigenen Blöße bewußt, als ich seine sah. ,,Herr Pfarrer, ich muß Sie bitten, uns zu begleiten.“ Ich hörte die Worte, ohne sie zu verstehen. Ich sah nur seine Augen. Nein, ich verstand nicht. Ich wollte nicht verstehen. Ich wurde vor Gericht nicht als Zeuge gehört. Sie brauchten mich nicht, sie hatten genug. Und ich hatte auch nichts in ihrem Sinne auszusagen. Ich hörte den Ausführungen der Staatsanwältin zu, ich hörte Gutachter, Zeugen. Ich hörte die ganze Geschichte. Aber ich verstand noch immer nicht. Es war von so viel Blut die Rede, von so vielen Menschen, die durch ihn aufgehört hatten zu existieren. Ich verstand nichts. Was hatte das alles mit dem Mann zu tun, der mein Weltbild zum Einstürzen gebracht hatte? Das Urteil lautete lebenslänglich mit anschließender Verwahrhaft. Er würde die Strafe in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt verbüßen. Mir wurde die Erlaubnis erteilt, ihn zu besuchen, nachdem mein Therapeut die Notwendigkeit dieses Besuches für mein geistiges Wohlergehen deutlich gemacht hatte. Mein geistiges Wohlergehen. Auch das hatte er auf dem Gewissen. Zwei Pfleger waren mit uns im Raum. Sie sollten eingreifen, falls er unvermuteter Weise gewalttätig zu werden drohte. Ich wußte, daß eine versteckte Kamera unser Treffen aufzeichnete. Beides, Pfleger und Kamera, hielten mich davon ab, zu ihm zu stürzen und ihn beenden zu lassen, was er damals in meinem Pfarrhaus begonnen hatte. Ich sehnte mich danach. Ich wollte es, ich will es noch heute. Statt dessen stellte ich ihm die Frage, von der mein Therapeut glaubte, daß seine Antwort mich in mein Leben vor ihm zurückführen würde. Ich sah in seine Augen. ,,Hättest Du mich getötet?“ Ich sah in seine Augen, ich sah nichts außer seinen Augen. ,,Ja.“ Es regnet. Ich liebe den Regen. Er erinnert mich an ihn.
© A. Braatz
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