Winter

Ich starrte auf seine Hand. Er stand neben mir am Balkongeländer gelehnt, den rechten Arm auf der Brüstung. Sein Körper war mir zugewandt, nicht aber sein Gesicht. Er sah hinein in das Zimmer, zu der Betriebsfeier, zu den anderen Menschen, die ich im Augenblick nicht einmal wahrnahm. Ich sah nur diese Hand, die entspannt nur wenige Zentimeter von meinem Bauch entfernt war. Das war alles, was uns trennte. Ein paar Zentimeter und der Stoff meines Hemdes. Ich lehnte wie er an der Brüstung, die rechte Hand lässig in der Hosentasche. Mein Jackett war offen und durch meinen Arm beiseite geschoben. Meine Brustwarzen waren wegen der kalten Luft auf dem Balkon steinhart. Ich hatte die Hand extra in die Tasche gesteckt und war bemüht, den Brustkorb so unauffällig wie möglich vorzustrecken. Es war als Einladung gedacht, als Aufforderung. Obwohl er neben mir stand schien er es nicht zu bemerken. Er starrte unverwandt zu den anderen, zu ihr.
Plötzlich fragte ich mich, wie lange wir schon schweigend nebeneinander gestanden hatten. Mir wurde langsam richtig kalt und ich kam mir dumm vor. Ich zog meine Hand aus der Tasche, schlug die Arme vor der Brust übereinander und drehte mich vollständig von der Party weg. Durch meine Bewegung streiften seine Finger kurz meinen Körper. Ich wollte mich an die Brüstung lehnen, aber seine Hand war direkt vor mir. Einen Schritt zur Seite wollte ich nicht machen, also blieb ich stehend und starrte vom Balkon auf die weihnachtlich geschmückten Fenster auf der anderen Straßenseite.
Seine Hand war ganz unvermutet da. Ich hatte seine Bewegung nicht einmal bemerkt. Sie lag flach auf meinem Bauch, direkt oberhalb des Hosenbundes. Sie war kalt, sogar durch den Stoff,  selbst gegen meine viel zu lange der Luft ausgesetzten Haut.
Er hatte seinen Blick noch immer nicht abgewandt und ich wagte nicht, ihn anzusehen. Ich fühlte, wie er einen Weg in mein Hemd hinein suchte. Er öffnete schließlich einen der Knöpfe und berührte meine Haut. Erst als ich kurz und heftig einatmete wurde mir bewußt, daß ich die Luft angehalten hatte.
Wir standen noch immer etwas voneinander entfernt. Vom Zimmer aus konnte man sehen, wenn er seine Hand bewegte. Ich trat daher behutsam näher an ihn heran. Sofort begann er, mehr von mir zu erkunden. Ein weiterer Hemdenknopf wurde geöffnet. Seine Hand umschloß meine Brust. Endlich spielten seine Finger mit meinen harten Brustwarzen. Und ich hatte gedacht, er hätte sie ignoriert. Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
Jeder erreichbare Millimeter meiner Haut wurde zärtlich gestreichelt. Ich vergaß die Kälte, weil ich sie nicht mehr spürte. Vorsichtig versuchte er, seine Hand hinter meinen Hosenbund zu schieben. Ich zog den Bauch ein, doch auch damit eröffnete ich ihm nicht genug Bewegungsfreiheit. Er zog seine Hand zurück. Sofort fuhr der Wind unter mein Hemd und ließ mich schaudern. Er öffnete Haken und Knopf meiner Hose und zog den Reißverschluß ein kleines Stück abwärts. Dann schlüpfte seine Hand zurück in mein Hemd, um sich auf diesem Wege den Zugang zu meinem Penis zu verschaffen. Er wurde schon erwartet uns als sich seine Finger um meine Erektion schlossen, konnte ich ein Stöhnen nicht unterdrücken.
In diesem Augenblick wurde mir bewußt, daß er dabei war, mir vor den Augen fast der gesamten Belegschaft einen runter zu holen, und das ohne auch nur seinen Jackettknopf geöffnet zu haben. Ich zuckte vor ihm zurück und sah ihn an. Er bewegte den Kopf nicht, blickte weiter zu den anderen und flüsterte "Bleib".
Zögernd trat ich wieder an ihn heran. Er lächelte leise und fing an, mich gleichmäßig zu streicheln. Ich spürte, wie ich rot wurde. Nur ein paar Meter von mir entfernt stand meine gesamte Abteilung, mein Chef und meine Kollegen. Auch seine Abteilung nahm fast geschlossen an der Weihnachtsfeier teil. Ich hatte keine Ahnung, wie er es schaffte, trotz der rhythmischen Bewegung seiner Hand scheinbar ganz ruhig und entspannt neben mir zu stehen. Wie vielen unserer Kollegen war wohl aufgefallen, daß wir kein Wort gewechselt hatten?
Ich konzentrierte meinen Blick wieder auf die gegenüberliegende Häuserfront.
„Hallo, ist bei euch alles in Ordnung?“
Ihre Stimme. Meine Kollegin aus dem Vorzimmer des Chefs, Frau Steuer. Eigentlich hatte ich erwartet, daß er mit ihr verschwinden würde.
„Ja sicher. Wir plaudern nur ein bißchen. Es ist ziemlich verraucht da drinnen.“
Wo nahm er nur diese Frechheit her. Ich wagte nicht einmal mehr zu atmen und er setzte keine einzige Bewegung aus. Ich hörte sie näher kommen.
„Ist euch nicht kalt hier draußen? Ihr macht euch wohl warme Gedanken.“
„Ja, so in der Art.“
Er grinste sie wirklich an.
„Ich hoffe, ihr kommt bald wieder rein. Man vermißt euch.“
Nun, ihn vermißte man bestimmt.
Ich hörte, wie sich die Balkontür wieder schloß.
„Nervös?“ fragte er mich leise.
„Ist das ein Spiel?“ entgegnete ich. Mir war plötzlich schlecht vor Angst. Wenn er seine Hand zurückzog stand ich mit offenen Hosen da.
„Hör mal, wir sollten das lassen. Ich weiß, daß ich irgendwie damit angefangen habe, aber das war vielleicht keine gute Idee.“
Obwohl mein Verstand mit allen Mitteln um die Oberhand kämpfte, konnte ich deutlich fühlen, wie mein Körper sich seinen Zärtlichkeiten hingab. Das war verrückt. Ich war verrückt. Ich schloß die Augen und war bereit, mich fallen zu lassen.
Seine Hand war weg. Ich brauchte einen Moment, um diese Tatsache zu registrieren. Mit zitternden Fingern ordnete ich meine Kleider, hin und her gerissen zwischen Dankbarkeit, daß er es nicht beendet hatte, und Verzweiflung aus dem selben Grund.
Ich atmete tief ein und versuchte, mich zu beruhigen. Er stand still neben mir.
"Die Brick hat mir gesagt, daß du scharf auf mich bist. Sie hat's von eurer Frau Steuer. Die hat ihr erzählt, daß du immer ganz hingerissen bist, wenn du mich in der Kantine siehst. Ich muß gestehen, mir ist das nie aufgefallen. Warum hast du mich nicht mal angesprochen."
Er sah mich noch immer nicht an und das machte mich wütend.
"Die Gerüchte über dich besagen, daß du der größte Schürzenjäger in der Firma bist und jeder Frau an die Wäsche willst. Du könntest fast jede haben. Warum sollte ich annehmen, daß du an mir interessiert wärst?" Meine Stimme klang bei weitem nicht so schneidend, wie ich es erhofft hatte.
"Ich habe nicht deinen Mut, jedem zu sagen, daß ich schwul bin. Ich finde auch, daß es niemanden etwas angeht. Ich frage die Brick ja auch nicht, in welcher Stellung sie es mit ihrem Mann am liebsten treibt."
Jetzt wurde ich wirklich wütend.
"Du bist also ein verklemmter Bastard, der es spannend findet, andere Menschen in kompromittierende Situationen zu bringen. Oder warum hältst du dich in aller Öffentlichkeit an meinem Schwanz fest?"
Ich war lauter geworden. Endlich sah er mich an.
"Es tut mir leid. Es war nur...ich weiß auch nicht. Also du so vor mir standest...Scheiße!"
Ich drehte mich zu ihm. Er sah mir direkt in die Augen. Ganz offen.
Er gefiel mir wirklich. Bisher war er nur ein unerreichbarer Traum gewesen, aber jetzt stand er vor mir und wußte vielleicht nur nicht, wie es weitergehen sollte. Allerdings hatte ich eigentlich keinen Bedarf an einem Kerl, der es eher vorzog, Frauengeschichten angedichtet zu bekommen als zuzugeben, daß er schwul war. Ich versuchte Zeit zu gewinnen und blickte auf den Boden zwischen uns.
Es gab keinen Grund, sich zu verstecken. Entweder wollte er es auch oder eben nicht. Über Konsequenzen innerhalb der Firma konnte man sich immer noch Gedanken machen.
Ich streckte vorsichtig meine rechte Hand aus und berührte sein Jackett. Er reagierte nicht. Ich griff mit beiden Händen nach seinem Revers. Er stand bewegungslos da. Ich sah ihm wieder ins Gesicht. Noch immer dieser offene Blick. Ich zog ihn näher zu mir heran. Überrascht stellte ich fest, daß wie fast gleich groß waren, obwohl er mir sonst größer vorgekommen war.
Ich zog ihn noch näher, bis sich unsere Körper berührten. Jetzt waren wir uns beide der Menschen bewußt, die nur ein paar Schritte von uns entfernt feierten. Mir war es jetzt egal, wer uns sah. Ich beugte mich vor und küßte ihn auf den Mund.
Es gibt Küsse, die vergißt man nicht.
Meine Arme waren schon längst unter sein Jackett gerutscht und preßten ihn an mich, während er sich an meiner Schulter und meinem Nacken festhielt, als unser Kuß endete. Wir lösten uns nicht voneinander. Wir wollten und konnten es gar nicht.
"Sieht einer her?" fragte er schüchtern.
Ich sah zur Balkontür. Eine Menge unserer Kollegen standen hinter der Scheibe und sahen uns zu. Alle lächelten. Frau Steuer prostete mir mit ihrem Sektglas zu und winkte uns, wir sollten reinkommen.
Ich sah ihn fragend an, er lächelte schief und zuckte mit den Schultern. Wir nahmen uns bei der Hand und gingen zurück zum Fest.

© A. Braatz