Sommer

Es klingt abgedroschen, aber er sieht wirklich aus wie ein junger Gott da oben auf dem 3-Meter-Brett. Er weiß es und da genügend Augen junger Mädchen auf ihn gerichtet sind, zieht er eine entsprechende Show ab. Ich wüßte zu gerne, ob ihm bewußt ist, daß auch meine Augen an seinen Bauchmuskeln kleben. Natürlich gebe ich höchste, meinem Buch gewidmete Konzentration vor, obwohl ich schon seit einiger Zeit kein Wort mehr gelesen habe. Genau seitdem dieser Bursche durch mein Blickfeld schritt und mein kleiner Freund zwischen meinen Beinen aufgeregt mein Sehzentrum übernahm. Ich seufze unhörbar und versuche den Buchstabenfolgen vor mir wieder einen Sinn zu geben. Jetzt springt er, natürlich elegant kopfüber. Ich bin erstaunt, mich schon wieder beim Starren ertappt zu haben und stecke meine Nase schnell wieder in mein Buch. Nur noch ein ganz kurzer Blick. Er hat gerade den Beckenrand vor mir erreicht und sieht mich an. Unsere Augen treffen sich und ich halte ungewollt die Luft an. Totenstille liegt über dem gut besuchten Freibad. Er zieht sich mit einer Leichtigkeit aus dem Wasser, die mir selbst dann nicht gelänge, wenn mein Leben davon abhinge. Das Wasser rinnt an seiner gebräunten Haut hinunter, ein Schauspiel, das ich nicht gebührend bewundern kann, da er den Blickkontakt zu mir hält. Ich spüre ein Ziehen in meinen Hoden und bete inständig, daß ich jetzt nicht wie ein pubertierender Teenager eine Erektion bekomme. Er kommt auf mich zu, greift nach seinem Handtuch, das er ohne mein Wissen nur zwei Meter von mir entfernt hingeworfen hatte und setzt sich mir gegenüber. "Spannend?" fragt er lässig. Ich werde einen Frosch im Hals haben, mein Stimmbruch wird zurückkehren, ich werde keinen Ton rausbringen... "Nicht, wenn man es das neunte Mal liest."
Phantastisch! Da setzt sich der heterosexuelle Hingucker des heutigen Tages ausgerechnet zu einem blassen, unscheinbaren, aber höchst interessierten Niemand wie mir und ich hänge mir mit dieser oberlehrerhaften Antwort auch noch das Schild "affektierter Intellektueller" um den Hals. Freiwillig! Außerdem ist es durchaus spannend, immer wieder. Warum sollte man ein Buch sonst mehr als einmal lesen? "Ich meine, es ist schon immer wieder gut, aber die Geschichte kann mich nicht mehr überraschen." Pause. "'Watership Down', kennst du es?" Hingucker schüttelt den Kopf. Ich bin mir sicher, das Buch ist älter als er. Will er tatsächlich mit einem vierunddreißigjährigen Greis wie mir eine Unterhaltung anfangen? "Worum geht es denn?" fragt er und schafft es tatsächlich, ein gewisses mildes Interesse in seiner Stimme mitschwingen zu lassen. "Oh, es geht um den Mut, einen völligen Neuanfang zu wagen. Um Freundschaft und Vertrauen, und daß jeder nach seinen Fähigkeiten beurteilt und eingesetzt werden sollte." Ich improvisiere wie wild. "Sex?" fragt er. Mein 'Ja, gerne!' kann ich gerade noch zurückhalten. Die Frage kann er nicht ernst gemeint haben. Dann muß ich über mich selbst lächeln. "Nein. Wäre auch nicht so spannend, die Protagonisten sind nämlich Kaninchen." – "Die was sind was?" – "Die, um die es geht, deren Geschichte erzählt wird. Es sind Kaninchen. Mümmelmänner. Hasenartige." – "Ach so." Warum habe ich nicht 'Maja' dabei. Gleicher Autor, völlig anderes Genre. Und viel Hetero-Sex. Das hätte Hingucker interessiert. Jetzt wird er gleich 'na dann...' sagen, aufstehen und sich der kichernden Ansammlung von Bikinischönheiten nähern. "'Ne Kindergeschichte also." Was soll ich darauf antworten? Vielleicht hält er mich ja für einen ungefährlichen Naivling, dessen Horizont über Kindergeschichten nicht hinausgeht. Fein. Wenn er dafür hierbleibt, bin ich gerne bereit, mich derart unter Wert zu verkaufen. Ehrlich gesagt hasse ich es, wenn mein bestes Stück mein Handeln bestimmt, aber diese vom kalten Wasser noch hart aufgerichteten Brustwarzen praktisch unter meiner Nase lassen mich Kompromisse schließen. "Ich les' ganz gerne Stephen King. Oder Koontz. Horror halt." Immerhin, er liest. King mag ich auch, gehe ich darauf ein? "Aber ins Schwimmbad gehe ich eigentlich zum Schwimmen, nicht zum Lesen. Warst du schon im Wasser?" – "Äh, nein, noch nicht. Ich lieg' auch ganz gerne einfach nur in der Sonne und lese." – "Zuviel Sonne is' nich‘ gesund. Macht die Haut krank und man altert schneller." Oh, Herr Dr. Hingucker. Was weißt du schon vom Altern? "Und Schwimmen ist gesund, da hast du recht. Ich sollte ins Wasser gehen." – "Gut, ich komme mit."
Jetzt wird es mir klar: ich bin ein Beimännchen. Meine Brille und Ansatz zu einem Rettungsring um meine Hüften lassen ihn noch strahlender erscheinen. Gut, wenn er dafür im Becken anfängt mit mir rumzualbern, wie es die anderen auch tun. Körperkontakt wird mein bestes Stück glücklich machen und im Wasser merkt auch keiner, wenn er zu glücklich ist.
Oh Gott! Vielleicht hätte mir jemand sagen sollen, wie kalt das Wasser ist. Erektion? Ich bin zufrieden, wenn 'er' sich kein Beispiel an den Hoden nimmt und nicht ganz in meinem Körper verschwindet.
Hingucker macht das natürlich gar nichts aus. Ich versuche ganz sportlich eine Bahn zu schwimmen, aber bei dem Wetter ist das Bad voll und geradeaus zu schwimmen ein Ding der Unmöglichkeit. Nach einer nervigen Zickzacktour, bei der ich auch noch Wasser geschluckt habe, stehe ich wieder im Nichtschwimmerbereich. Mein Bedarf ist gedeckt, vielen Dank auch. Ich stapfe zur Treppe. "Wo willst du hin, hast du schon genug?" – "Ich altere lieber noch ein bißchen über meinem Buch." Hingucker trabt mir hinterher. "Kommst du mit springen" fragt er und macht eine Kopfbewegung in Richtung Sprungturm, als ich mich zu ihm umdrehe. "Wohl kaum!" Er sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Ich meine, das ist nichts für mich. Ich mag das nicht. Und ich kann es auch gar nicht." – "Jeder kann das, du brauchst doch nur rauf zu klettern und runter zu hüpfen. Wasser hat keine Balken, hat meine Oma immer gesagt." Ist er so unschuldig oder tut er nur so? Ich war bisher immer der Meinung, das Wort 'Tunte' steht mir auf die Stirn tätowiert. Oder sollte er etwa... nein. Er kann sich nicht für mich interessieren. Das ist Hetero-Testosteron, wenn mich meine Nase nicht täuscht. Und trotzdem... "Spring du, ich seh' dir zu." Das ausgelassene 'gern' schwingt in meiner Stimme mit. Und wieder dieser Augenkontakt. Woher nimmt dieser Junge dieses Selbstbewußtsein? Er lächelt mich an und geht in Richtung Sprungturm. Ich betrachte versonnen seinen Hintern und die geraden, kräftigen Beine. Gut, dieser Körper schafft Selbstbewußtsein. Er klettert am 3-Meter-Brett vorbei. Fünf Meter. Er wartet, bis er sicher ist, daß er genügend Zuschauer hat, und springt. Danach das gleiche Spiel wie vorhin am Beckenrand. Augenkontakt mit mir aufnehmen und raus aus dem Wasser. "Is' nich‘ schwer" grinst er mich an. Ich schwöre, ich kann die neidischen Blicke der Mädels in meinem Rücken fühlen. "Bei dir sieht's auch nicht schwer aus" grinse ich zurück. Wir gehen zu unseren Handtüchern und legen uns in die Sonne. Er liegt auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen. "Erzähl mir von den Hasen." – "Kaninchen" korrigiere ich geistesabwesend und betrachte seinen Körper ungeniert. Ich gebe eine kurze Zusammenfassung der Geschichte zum Besten, nach der sie sogar mir wie ein Kinderbuch vorkommt. "Aber der Stil, in dem Adams seine Geschichte erzählt, ist einfach wunderschön." versuche ich schwach zu retten, was zu retten ist. "Vielleicht lese ich das Buch auch mal." murmelt Hingucker. Er scheint einzuschlafen. "Hast du Sonnenmilch mit oder sowas?" Mir stockt der Atem. Das kann keine Unschuld sein, das ist Berechnung! "Ja. Ja sicher." – "Gibst du mir was ab?" Ich stelle ihm eine Flasche auf den Bauch. Er blinzelt zu mir hoch, setzt sich auf, schraubt den Deckel ab und schnuppert am Flaschenhals. Er gießt sich eine wenig auf die Brust, auf den Bauch, auf die Schenkel. Schraubt den Verschluß wieder zu. Verteilt die Lotion auf seiner Haut. Warum bin ich nicht als Sonnenmilch auf die Welt gekommen? Ganz kurz zuckt vor meinen inneren Augen die Vorstellung auf, daß er statt dem Sunblocker meine ganz spezielle Lotion auf der Haut verreibt, derer er sich zuvor auf köstliche Art bemächtigt hat. Ich lege mich auf mein Handtuch, auf den Bauch. Diesmal ist die Reaktion zu heftig, als daß sie unbemerkt bleiben könnte. Ich versuche verzweifelt an etwas anderes zu denken, als seine Stimme plötzlich nahe neben meinem Ohr erklingt. "Soll ich dir den Rücken einreiben?" Ich muß diese Frage geträumt haben, das hat er nie im Leben gesagt. Ich blicke hoch. Er kniet neben mir und hält mir die Flasche vors Gesicht. Er hat es gesagt. "Ich, äh. Das wäre vielleicht nicht schlecht." Die Lotion ist kalt, die Sonne hat mich schon aufgeheizt. Nicht nur die Sonne. Dann ist da seine Hand. Sanft, gründlich, ausgiebig. Viel zu schnell ist es vorbei. Bevor ich jedoch danke sagen kann, fühle ich die kalten Tropfen auf meinen Schenkeln. Das ist zuviel, das ertrage ich nicht. Er fängt an den Knöcheln an und arbeitet sich aufwärts. Auch sanft. Auch gründlich. Auch ausgiebig. Meine Erektion, eingeklemmt sowohl in meiner Badehose als auch zwischen meinem Bauch und dem harten Boden, fängt an schmerzhaft zu werden. Ich beiße so unauffällig wie möglich in meinen Unterarm, um das Stöhnen zu unterdrücken, daß sich einen Weg zu bahnen versucht. Ich denke fieberhaft darüber nach, wie ich ihn in die Umkleidekabinen lotsen kann. Dazu muß ich zuerst diese Latte wieder loswerden.
"Fertig. Jetzt bin ich dran." Ich tue so, als sei ich eingeschlafen. Ich kann mich jetzt nicht aufsetzen, das ist völlig unmöglich. Und seine Haut berühren, während er vor mir auf dem Bauch liegt, das kann ich schon gar nicht.
"Hallo Schatz! Du liest ja schon wieder diese Karnickel-Geschichte. Wird das nicht irgendwann langweilig?" Ich spüre einen dicken Kuß auf meinem Schulterblatt. "Hey, du schmeckst nach Creme! Ich dachte, du wärst alleine hier." Ich richte mich auf den Ellenbogen auf. Mein Sonnyboy, mein Goldstück, meine Axt im Walde! Kaum habe ich den Kopf gehoben, werde ich schon auf den Mund geküßt. Vielen Dank, das ist reizend und so diskret. Ich drehe mich zu Hingucker um. Der schaut mich nur an. Interessiert? Nicht interessiert? Das werde ich wohl nie erfahren. "Ich gehe wieder springen." sagt er und ist mit samt Handtuch weg. War da ein kleines Lächeln? Ich sehe ihm zu, wie er den Sprungturm ersteigt. Ein Meter, drei Meter, fünf Meter. Er geht bis zum Rand des Brettes. Wartet auf die Blicke. Diesmal ist er sich meines Blickes bewußt. Und ich wette, er genießt ihn auch

© A. Braatz